»Ich weiß nicht, wie wir hier ohne deine Pakete klarkommen würden. Man merkt, daß du nicht die geringste Ahnung von Babykram hast. Als ich Charlie den knallpinken Strampler mit dem gähnenden Regenwurm auf dem Latz anzog, fragten sie mich in der Krippe, ob ich schwule Kontakte ins Ausland hätte. An Babykosmetik bitte alles nur von Penaten. Du hattest doch ein Buch mit Gedichten von Sarah Kirsch in das letzte Paket gelegt? Das fehlte. Und Feri-San, bitte, schicke mir bitte nie wieder Kassetten von der Goombay-Dance-Band oder von Eruption, obwohl ich zugeben muß, daß ich One Way Ticket sogar ein paar Mal hintereinander gehört habe. Gute Musik fehlt mir hier am meisten. Schon immer. Deshalb lese ich wie ein Besessener, wenn ich nicht gerade schreibe, Geige oder Gitarre spiele. Im Kopf bin ich rot, allerdings stammt dieses Glühen eher aus Nikaragua, wo Dichter die Knarre zur Hand nahmen, um die Diktatoren kaltzustellen. Ernesto Cardenal würde ich sofort meine Liebe gestehen. Ich hasse dieses Land und mag hier dennoch nicht verschwinden. [...] Interessierst du dich für diesen ganzen deutschen Irrsinn gerade? Sollen doch die Rotarmisten endlich über euch herfallen. Wenn wir uns einmal treffen sollten, bitte hier, nicht drüben. Ich hab keinen Bock auf diesen westlich zivilisierten, industrieverwöhnten, verlogenen Brüder- und Schwestern-Staat. Verschon mich mit diesem Gedöns. Komm rüber und sieh dir diesen toten Klotz endlich an, erlebe sein Hohlsein, die Zimmergärten im Innern, die Bierkästen und Schnapsbuden auf den Balkonen, ja, die hängenden Gärten, die Solidarität, die treuen Freundschaften, die privaten Paradiese aus politischer Einschränkung und extremer poetischer Nichtanpassung, dafür, liebster Freund, bleibe ich hier.
Komm rüber. Du kannst es. Mach es. Ich könnte dir alles zeigen, alles.
Nur müsstest du dann auch bitte wieder fahren. Wir könnten das nie zusammen teilen. Du würdest mich nicht verstehen.«
Feridun Zaimoglu an Thomas Kunst (1. Brief, o. Datum):
»Ist dieser Brief gefährlich, Thomasfreund? Könntest du nachts, oder morgens um vier Uhr, abgeholt werden von den Volkskommissaren? Vielleicht haben die den Briefträger abgefangen, vielleicht haben die deinen Brief aufgemacht, gelesen, kopiert und zugeklebt. Du solltest vorsichtig sein – lass dir die Vorhaut entfernen, es gibt gute Ärzte auch bei euch, summe Strandlieder zu staatskonformen Melodien, und trage keine Jacken mit großen Außentaschen; die Beschatter sehen es nicht gerne, wenn das verzweifelte Subjekt die Hände in die Taschen steckt. Sei leise und unauffällig beim Wäscheaufhängen. Es steht fast immer ein Herrchen mit Leine hinter der Hecke, und die Leine führt zur Halsschlaufe – doch wo ist der Hund? So sind meine Tage beschaffen, daß ich Ausschau halte nach Hund und Herrchen. Will dir sagen, aber du weißt alles Freundthomas, trotzdem: Liebe mit fuffzehn kann man machen, kann man lassen. Nix passiert, Wolken ziehen. Frau Resi, auch angestellt bei Edeka, aber sie streckt sich eher an den Regalen, Frau Resi also will meine Witzchen nicht witzig finden, weil, es ist nicht lustig, daß ich sage: Frau Resi, ich weiß, ich bin halb so alt wie Sie, fürchten Sie nicht die Russen, fürchten Sie mich... Nichts zu machen. Thomas, du bist auch fuffzehn, aber in deiner blendenden Zukunft les ich Zeichen [...]«